Schlagwort-Archive: augmented reality

Augmented Reality – virtuelle Realitätserweiterung: Fluch oder Segen

Prof. Hoeren – Universitätsprofessor, Richter und Theologe – als Gastredner in der Château Louis Vortragsreihe vor rund 80 geladenen Gästen

Wenn analoge und digitale Welt verschmelzen, ergeben sich spannende Anwendungen, aber gleichzeitig haarsträubende Rechtsproblemzonen. Das hat Hoeren, Universitätsprofessor für Informationsrecht und Rechtsinformatik an der Juristischen Fakultät der Uni Münster) den 80 begeisterten Gästen der Château Louis Vortragsreihe am 18. November in seinem Vortrag „Augmented Reality – raubt uns das Handy die Sinne“ eindrucksvoll demonstriert.

portraet_hoeren

Fachmann für Augmented Reality: Prof. Hoeren – Universitätsprofessor, Richter und Theologe

Was ist Augmented Reality (AR)? Übersetzt heißt es: erweiterte Realität. Es handelt sich um die Verknüpfung gespeicherter, raumbezogener Daten mit der aktuellen Umgebung des Betrachters. Diese reale Umgebung wird dann etwa auf dem Display eines Smartphones, einer 3D-Brille oder anderen Displays mit Zusatzinfor-mationen zu den tatsächlichen vorhandenen Gegenständen ergänzt. Über das GPS-Signal im Smartphone ermittelt Wikitude z. B. den Standort des Nutzers und verbindet damit die reale Welt mit der virtuellen. So legt eine Navigationssoftware die berech-nete Route direkt über das Kamera-Livebild. Damit sieht man auch im Smartphone, was auf der Straße passiert. Gleiches gibt es aktuell schon für verschiedene Skigebiete. Beim Scan einer Legopackung wird virtuell das zusammengebaute Ergebnis angezeigt, Werbung wird durch AR dreidimensional und springt förmlich aus der Zeitung oder vom Plakat. Mit 3D-Brillen könnten z. B. Chirugen während einer Operation Ultraschallbilder der Organe aufrufen, genau an der Originalposition des Organs.
Oder ganz praktisch bei Mechanikern und Installateuren: Sie bekommen Bnutzerhandbuch, Teilenummern, Stromleitungen oder Planungsskizzen über das reale Bild gelegt. Eine andere Anwendung blendet Zusatzinformationen zu allen denkbaren Objekten ein: Zur Bergkette der Umgebung, den Sehenswürdigkeiten am Platz oder Hotel- und Restaurantbewertungen. Quelle der Zusatzinformationen sind z. B. Wikipedia, Youtube, Flickr etc. Unzählige Anwendungen sind denkbar oder bereits auf dem Markt. Das können sehr praktische, effiziente und zukunftsweisende Zusatzinformationen bzw. Anwendungen sein oder schlicht spannende Spielereien.

Aber erweiterte Realität kann Menschen nicht nur die Sinne erweitern, sondern auch die Rechte rauben, so eine der zentralen Thesen von Prof. Hoeren. Und da hört der Spaß auf – und fängt die juristische Problemzone an, stellt er klar. Denn wer haftet, falls die Informationen zu Krankenhaus oder Arzt in der Nähe falsch waren und zu Schaden geführt haben? Und wer will z. B. einem unangenehmen Unbekannten in der U-Bahn ohne Einwilligung alle im Netz verfügbaren persönlichen Daten und Bilder preisgeben. Das ist nämlich ebenfalls mit einem simplen Smartphone-Kameraschwenk mittels Gesichtserkennungs-App bereits möglich. Das smarte Programm verknüpft das Gesicht der unbekannten Schönen mit allen greifbaren Informationen im Netz und präsentiert dem Interessierten die gesammelten Daten inkl. Telefonnummer, Beziehungsstatus und Körbchengröße – sofern beim letzten Online-Kauf angegeben. „Das ist eine Dimension der Verknüpfung, die wir Juristen nicht tolerieren“, so Prof. Hoeren, der zusätzlich Rechtsberater der Europäischen Kommission und in verschiedenen nationalen und internationalen Fachausschüssen rund um Urheberrecht, Informationsrecht etc. sitzt, sowie Lehrbeauftragter an den Universitäten Zürich und Wien zu diesen Themen ist.

Ein ähnliches Szenario ergibt sich bei AR-Funktionen für Straßenansichten. Eine virtuelle Immobiliensuche blendet z. B. ins Livebild alle aktuell in Immobilien-suchmaschinen angebotenen Objekte ein. Für Wohnungssuchende eine brauchbare Anwendung. Aber auch hier sitzt der Teufel in der Verknüpfung. Denn AR-Verknüpfungen mit Google Earth inkl. Streetview sind bereits Realität. Und damit sind auch unschöne Szenarien nicht mehr weit. Wenn nämlich mit einer Adresse persönliche Daten der Bewohner verknüpft werden (aus Adressdatenbanken, sozialen Netzwerken wie Facebook, Xing etc.), dann erfährt der Nutzer mit einem Kameraschwenk oder Klick möglicherweise, wer in diesem Haus mit wem seit wann wohnt und zusätzlich, ob die Tage jemand zuhause oder in Übersee weilt – inkl. der Verleumdungstiraden des Nachbars, mit dem er real und im Web einen Kleinkrieg führt. Immer vorausgesetzt irgendwo im Netz liegen heikle Informationen verborgen. Zu solchen Verknüpfungen würde niemand seine Einwilligung geben – schon gar nicht stillschweigend. Das Grundproblem sind also nicht die einzelnen Dienste, sondern die neuen Verknüpfungsmöglichkeiten. Das ist mit dem bisher praktizierten Rechtsprinzip“konkludente Einwilligung“ – wer sich auf einen Internetdienst einlässt, muss die Konsequenzen daraus tragen – nicht mehr abgedeckt.

Aber das Internet und damit auch Augmented Reality sind keine rechtsfreien Räume. Es gelten grundsätzlich die gleichen Regeln wie in der analogen Welt. Die Schwierigkeit: Es ist meist schwer, die Verantwortlichen zu finden. Die Täter im Netz sind virtualisiert, argumentiert Prof. Hoeren. Wie damit umgehen? Es herrscht große Ratlosigkeit, stellt der Experte fest. Ganze Rechtsbereiche, die für die Papierwelt konzipiert wurden, passen nicht zur virtuellen Welt, müssen neu strukturiert und an die digitale Welt angepasst werden (Persönlichkeits- / Datenschutz). Und wenn diese Herkulesaufgabe gemeistert ist, steht die nächste vor der Tür. Was ist das denn jetzt, wenn ich Wikitude anwende, analog oder digital? Welche Regeln gelten dafür? Augmented Reality wirft damit neben grenzenlosen Chancen vor allem auch grenzwertige juristische Problemzonen für die Privatsphäre auf, die dringend international ausgeräumt werden müssen.